4. Sonntag nach Trinitatis 2017: Vom Tragen der Schuld des Anderen (Gen 50,15-21)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

1. Einbettung in die Josefsgeschichte
Die Josefsgeschichte ist bei evangelischen Christen immer noch ziemlich bekannt und gehört zum gemeinsamen Wissen über das Alte Testament. Damit ihr rasch wieder hereinfindet, eine sehr kurze Zusammenfassung:
Jakob hatte zwölf Söhne. Einer davon, Josef, wurde vom Vater am meisten geliebt, er bekam in vielen Dingen den Vorzug. An einem besonders hübschen Kleidungsstück entzündete sich ein großes Eifersuchtsdrama.

Die Brüder werden neidisch, schmeißen Josef in einen Brunnen und verkaufen ihn daraufhin an eine vorüberziehenden Sklaven-Karawane. Dem alten Vater Jakob erzählen sie, ein wildes Tier habe seinen Lieblingssohn Josef gefressen. Mit den Sklavenhändlern kommt Josef nach Ägypten, wo sie ihn ans Haus des Potifar verkaufen. Nach einigem Trubel (er wird sogar ins Gefängnis geworfen, weil die Frau des Potifar bezichtigt, sie vergewaltigt haben zu wollen) macht er eine Karriere am Hof des Pharao, wird dessen Traumdeuter und schließlich sogar der Vizekönig von Ägypten.

Viele Jahre später herrscht dann in Israel eine Hungersnot, sodass Josefs Brüder kommen, um beim Vize-Pharao Getreide einzukaufen. Die Brüder merken nicht, dass es Josef ist, der ihnen gegenüber sitzt. Doch Josef auf seinem Thron erkennt seine Brüder, erschreckt sie zunächst ein wenig, verzeiht ihnen dann aber alles und versöhnt sich mit ihnen. Für den alten Vater Jakob ist der tot geglaubte Sohn wieder lebendig.
Und damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ende gut, alles gut!
Die Geschichte ist aber nicht zu Ende. Als Vater Jakob dann tatsächlich stirbt, haben die elf Brüder große Sorge, dass Josef sie nun für ihr Verhalten von früher bestrafen würde.
Und genau da setzt unser heutiger Predigttext ein:  


2. Predigttext Gen 50,15-21
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“
16 Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 ‚So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.‘  
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: „Siehe, wir sind deine Knechte.“
19 Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“
Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

3. Vergebung als ein „Tragen“ (afn)
Das Familienoberhaupt gestorben, für orientalische Verhältnisse ist in dem Moment die Familie selbst bedroht. Die Brüder tischen Josef eine Geschichte auf: Der alte Vater soll noch auf dem Sterbebett gesagt haben, dass Josef seinen Brüdern verzeihen möge! Vielleicht hat das gesagt, vielleicht auch nicht: mir gefällt die Vorstellung besser, dass die Brüder sich besprechen, dass aus dem Testament des Vaters hervorgeht, dass Josef Gnade walten lassen solle. Wir wissen ja: die Geschichte geht gut aus.
Josef weint sogar, als er seine Brüder vor ihm auf den Knien sieht. Und war es einige Kapitel vorher noch so, dass die Brüder auf die Knie gingen, weil man vor einem Vize-Pharao nun einmal auf die Knie geht und das Protokoll es so verlangt, so ist es nun der Tatsache geschuldet, dass sie vor ihm auf die Knie gehen, weil sie wissen, dass persönliche Schuld zwischen ihnen steht. Wenn Josef wollte, könnte er nun diese seine Familie auslöschen, die Brüder fort schicken, ja sie sogar töten lassen für ihre Vergehen – und weiterhin als Vizekönig regieren.
Aber Josef vergibt Ihnen!

Interessant ist in diesem Zusammenhang der hebräische Begriff der „Vergebung“. In unserer Sprache spielt bei dem Wort Vergebung eine ganze Reihe von Aspekten eine Rolle, die im hebräischen so nicht gegeben sind: Wir interpretieren das Wort „vergeben“ ganz schnell mit seinen christlichen oder alltagsethisch gefüllten Bedeutungen, die zwischen „Edelmut“, „Absolution“ oder auch „Schwamm drüber“ changieren. Die hebräische Wortbedeutung hingegen ist mehr ein „tragen“, „aufheben“.
Also nicht: „Bitte vergib uns!“ Sondern vielmehr ein: „Bitte trage uns mit!“ Oder auch: „Bitte ertrage uns!“
„Die Last, die auf der Familie liegt durch das, was die Brüder Josef angetan haben, liegt einfach schwer! Sie kann auch nicht einfach so aus der Welt geschafft werden“, auch nicht durch irgendeine Form von Vergebung. “ (vgl. auch im Folgenden stets: GPM 65/3, S.328ff., hier: S. 332f.)
Die Wortwahl zielt auf ein  Einbeziehen der Schuld – und verwehrt den Gedanken an Vergessen oder sich nicht mehr mit den alten Geschichten belasten.
Was die Brüder Josef angetan haben, ist einfach Teil der Sippengeschichte. Und diese Geschichte wird in der Zukunft, um die es jetzt geht,  nicht verschwiegen!
Die Bitte an Josef geht dahin: Widerstehe der Versuchung, als einziger und als reiner Held aus diesen Geschichten herauszukommen! Bitte gib dich weiterhin mit deiner Verwandtschaft ab, die genügend schmutzige Wäsche gewaschen hat! Und ehrlich gesagt ist das eine heftige Zumutung. Indem er mit denen, die ihm übles wollten, Gemeinschaft hat, bleibt er nicht unberührt von dem Dreck, den sie am Stecken haben.

Dieses Tragen der Schuld ist auch in dem Sinn zu verstehen, es auszuhalten, solche Brüder mit solcher Vergangenheit zu haben – und sich von ihnen trotz allem nicht zu distanzieren.

4. Die Mutter und ihre Tochter
Vergangene Woche rief mich eine Frau an, mittlerweile Oma eines Enkelkindes, dass hier im Bonhoefferhaus vor längerer Zeit getauft worden ist. Sie klagte mir, dass sie Kontakt zu ihrer erwachsenen Tochter wünschte – um des Enkelkindes willen. Ich als Pfarrer und Seelsorger solle da etwas vermitteln. Nun ist es immer ausgesprochen schwierig, in solche Familienkonstellationen einzugreifen. Wer weiß, weswegen sich die Tochter von der Mutter getrennt hatte? Wer weiß, was da alles innerfamiliär schief liegt.
Wie auch immer, ich griff zum Hörer und rief die Tochter an. Ein langes Gespräch folgte, deren Ergebnis war, dass eine Versöhnung zwischen den beiden zur Zeit nicht möglich ist. Zu groß war die Schuld, die aus Sicht der Tochter ihre eigene Mutter auf sich geladen hatte. Auch um des Enkelkindes willen wolle sie keinesfalls einen Kontakt zu ihrer Mutter herstellen, auch nicht gemeinsam mit mir als ihrem Seelsorger.

Und wisst ihr was? Ich kann das total gut verstehen. Ich selbst habe mich in dem Moment ziemlich schlecht gefühlt: Habe mich zum Handlanger dieser Frau gemacht, die in der Vergangenheit wohl nicht gerade glänzend in ihrer Rolle als Mutter aufgefallen ist. Vielleicht.
Wenn einmal etwas zerbrochen und kaputt ist, dann ist es eben nicht immer heilbar. Nicht alle Geschichten gehen so aus, wie in der Josefsgeschichte. Und es wäre völlig verfehlt, wenn ich euch nun predigen würde, dass diese Tochter dem Treffen mit ihrer Mutter und mir hätte zustimmen müssen. So wie in der Josefsgeschichte er sich gegenüber den Brüdern verhalten hat!Die Tochter muss sich der Mutter eben nicht so verhalten!
Wir Menschen sind so. Und das kann man beklagen, aber ändern wird man die Menschheit deswegen nicht.

Vergeben kann die Frau ihrer Mutter nicht. Was sie aber damit tut, ist die Schuld, die diese auf das Familienleben gelegt hat, mit zu tragen. Aber eben nicht so, wie bei Josef (da ist dann auch mehr ein Ertragen und Verzeihen!). Durch diese Familie geht ein Riss, und alle die beteiligt sind, haben daran zu tragen.

5. „Bin ich denn an Gottes Stelle?“
Kommen wir zu den beiden vielleicht wichtigsten Sätzen der Josefsgeschichte, ja vielleicht sogar des gesamten Buches Genesis. Josef spricht ihn aus als in die Brüder um Verzeihung bitten, auf den Knien liegend.
Er sagt: „Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

„Das ist nun - wenn auch in ganz weltlicher Sprache - konzentrierteste Theologie. Josef spricht zwei Sätze. In dem einen bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz („Bin ich denn an Gottes Stelle?“) muss man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit misszuverstehen, also einer demütigen ‚Nichtzuständigkeitserklärung‘, als habe nicht er in dieser Sache zu richten – sondern Gott. Das wäre für seine Brüder ein schlechter Trost, wenn Josef die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschieben wollte! (Also ich verzeihe nicht, aber vielleicht verzeiht euch ja Gott!). Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Josef jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich „an die Stelle Gottes“ setzen.

Der zweite Satz („Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“) berührt sich eng mit dem Wort Josephs, dass er schon beim Erkennen gesagt hatte, nur dass er das Rätsel des Ineinander von göttlichem Führen und menschlichem Handeln noch schärfer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das „Wie“ dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses „Ihr gedachtet“ und jenes andere „Gott gedachte“ letztlich doch sehr spröde gegenüber.“ (Von Rad, Die Josephsgeschichte, in: Biblische Studien 5, 1956, S. 20f.).

Anders gesagt: wir haben einerseits das böse Handeln des Menschen und andererseits das gute Handeln Gottes. Und dann die Frage: Wie fern oder wie nahe ist Gott uns denn eigentlich? Musste es so geschehen, dass Josef erst ein kleines Martyrium durchmacht, um dann Vizekönig zu werden, um dann seine Brüder doch nicht zu strafen, sondern ihre Schuld mitzutragen respektive zu vergeben?

Das Ende der Josephsgeschichte klingt ganz danach, aber wir sollten uns davor hüten, in unserem Leben nach dem Motto zu verfahren: „‘Man sieht sich immer zweimal im Leben‘ oder auch  ‚Am Ende hat schon alles seinen Sinn‘.  Deswegen nimmt euch mal schön den Josef als Vorbild und dann wird die Welt gut.“
Beides stimmt einfach nicht. Manchmal sieht man sich eben nicht zweimal im Leben: Die Tochter vergibt der Mutter vielleicht niemals und hält den Kontakt nicht mehr. Kommt auch nicht zur Beerdigung, wie es mir neulich geschehen ist, als ich allein mit dem Bestatter am Sarg stand. Und am Ende hat auch nicht alles seinen Sinn. Wer das behauptet, macht es sich zu einfach und spuckt ohne es zu merken, den Opfern von Terror und Gewalt direkt ins Gesicht. Ich verzeihe den Idioten von Hamburg ihr zerstörerisches Werk nicht. Das kann ich nicht, weil ich nicht so barmherzig bin wie Gott es mit uns ist!

Doch ob Gott bei all unserem bösen Tun am Ende gut handelt, können wir immer nur von hinten her sehen, vom Schluss her. Jetzt, wenn uns etwas im Leben widerfährt, können wir eben nicht einfach so davon ausgehen, dass Gott es schon richten werde. Da sind wir selber zu aufgerufen! Wir selber sollen handeln! Und es geht dabei durchaus um den inneren Schweinehund, den man nur sehr schwer besiegen kann. Und das oft mit der Ausrede: Was kann ich einzelner schon machen?

6. Vom freien und vom unfreien Willen: Ein Tanz
„Im Gegensatz zu dem, was die meisten von uns gelernt haben, ist es eben nicht so, dass Gottes Wille unseren eigenen Willen einfach so überflügeln würde. Wenn‘s um den Willen Gottes geht und unseren Willen, dann sollte man sich das ganze vielleicht eher so vorstellen wie ein Tanz. Einen völlig mysteriösen Tanz, der sich zwischen unserer und Gottes Freiheit abspielt, zwischen Gottes Willen und unserem Willen. In diesem Tanz ist es nicht Gottes Angelegenheit, dass er dafür zu sorgen hätte, dass uns bloß keine bösen Dinge widerfahren. Schlimme Sachen passieren. Der Bruder schlägt den Bruder tot. Der Großvater schießt auf seinen Enkel.
Menschen werden gekauft oder sogar verkauft. Hungersnöte entvölkern ganze Landstriche, nach wie vor. Und es ist nicht Gottes Angelegenheit oder Job, uns vor diesen Dingen zu bewahren. Nein! Liebe Tauffamilien, das ist vielleicht etwas hart, das zu sagen, aber auch uns Christenmenschen schützt Gott nicht in dem Sinne, dass er uns vor dem Übel bewahrt!
Gottes Job, Gottes Wirken ist es, in all diesen Dingen präsent zu sein, in allem zu bleiben. Denn nur so bleibt er weiterhin Gott, der ganze Welten aus dem totalen Chaos erschafft, der das Wunder des Lebens aus dem Staub erhebt, der uns totale Sünder und mit unseren Leben nicht klarkommenden Leute nimmt und daraus etwas wunderbares erschafft. Das ist es doch, was Gott ausmacht.“ (aus dem Englischen übertragene Gedanken von Barbara Taylor in GPM 65/3, 333f.)

7. Josef in Christus
Kommen wir noch einmal zum Josef zurück.
So, wie die Brüder den Josef bitten, so bitten Christinnen und Christen in jedem Gottesdienst ihren Herrn: Jesus Christus! Im Vaterunser kommt das vor: „vergib uns unsere Schuld“ und daraus erwächst ein großer Teil unserer Frömmigkeit. Wir bitten Christus: trage du doch unsere Schandtaten. Und so kann sich dann doch unsere Gemeinde der Sünder aus der Josephsgeschichte heraus auch die Ermahnung des Paulus aus dem Galater-Brief im sechsten Kapitel zu Herzen nehmen, wenn er schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Vergebung und Barmherzigkeit sind schöne Züge Gottes, aber ebenso schöne Züge des Menschen.
Wo es uns möglich ist, so sollten wir danach unbedingt handeln.
Und wo es uns nicht möglich ist, so dürfen wir es getrost unserem Herrn überlassen, es am Ende gut zu machen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn!