Predigt zum Karfreitag 2018: Der Tod Gottes

KARFREITAGSPREDIGT 2018 VON PFARRER MARVIN LANGE IM BONHOEFFERHAUS FULDA ZUR PASSIONSGESCHICHTE NACH MARKUS

1. Einleitung: Wir haben Gott getötet
Jesus Christus, der für unsere Sünden gestorben ist, sei mit euch allen!

Der Tod Gottes!
So habe ich den heutigen Gottesdienst überschrieben. Es ist Karfreitag.

Jesus wird gekreuzigt und wir erinnern uns daran. Vor über 100 Jahren machte der Philosoph Friedrich Nietzsche mit seiner Aussage vom Tod Gottes in Europa Furore. Heute kann das eigentlich niemanden mehr hinter dem Ofen hervor locken. Das Land, in dem wir leben, ist zwar christlich geprägt, aber vom Christentum sind nur noch Rümpfe übrig.
In etwa so, wie eine bläuliche Färbung eben nicht blau ist und eine rötliche Färbung nicht rot ist, so ist eine christliche Prägung auch nur bedingt von Christus herrührend.
Wir haben in den letzten 100 Jahren Gott auf eine perfide Weise getötet.

2. Die Schuld der Kirche
Auf der einen Seite sind wir selber schuld, wir Christinnen und Christen.
Haben uns viel zu sehr reduzieren lassen auf einen Verein für Moral und Gutmenschentum. Reden in der Politik mit, aber haben eigentlich niemanden mehr, der uns ernsthaft zuhört. Halten Woche für Woche Predigt um Predigt in Tausenden von Kirchengemeinden, aber die Besucherzahl nimmt fast überall von Jahr zu Jahr ab. Wir meinen, eine Botschaft zu haben, die alle unbedingt angeht, aber die Menschen treten in Massen aus der Kirche aus.
Im letzten Jahr waren es in unserer Kirche, der EKKW, etwa 12.000 Menschen, die uns den Rücken zugekehrt haben.

Das sind die institutionellen Probleme, die unsere alte Kirche momentan hat. Das scheinen erst einmal innere Probleme, die aber dann sehr stark nach außen strahlen. Und noch mehr Mitgliederschwund und Vertrauensverlust sind die Folgen.
Wenn wir den lebendigen Gott nicht verkündigen, dann ist es eben ein toter Gott.

3. Die Schuld jedes Einzelnen
Aber dann ist da noch etwas. Neben den inneren Probleme ist es doch jeder einzelne, der sich von der Botschaft der alten Kirche einfach nicht mehr angesprochen fühlt. Der seine eigenen sehr guten Gründe hat, der Kirche und Gott Adieu zu sagen. Und mit Kirche und Gott meine ich genau dies: Beidem sagt man gewöhnlich langfristig Adieu. Bei manch einem, der aus der Kirche austritt, spielt Gott noch eine Rolle. Aber in der Generation danach ist auch das vorbei. Die Statistiken zeigen sehr deutlich: Kirche nein danke, aber glauben, ja das tue ich noch. Doch eine Generation später heißt es dann: Kirche nein und Glaube auch Nein.
Erschreckend gut nachgewiesen in der 5. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft.
Auch wenn Gott noch ganz lebendig ist in der Generation der Mütter und Väter; ohne Kirche ist er in der Generation der Kinder und Enkel dann wirklich tot.

4. Heiliger Ernst
Dann haben wir das Problem, nicht wirklich ernst genommen zu werden.
Über die Kirche und Gott kann man sich lustig machen. Zum Glück ist Satire und all das bei uns erlaubt, aber es ist eigentlich kein Aufreger  mehr. Gott als nackte Frau am Kreuz - wen stört´s? Witzchen auf Kosten der Heiligen Schrift - na und?

Man braucht die Kirche und den Pfarrer dann und wann zu Taufen und zur Konfirmation, zur Beerdigung, an Heiligabend und zu Schulfesten.
Manchmal auch zu der einen oder anderen Trauung; da dann oft nur noch zu dekorativen Zwecken für den Fotografen. Hier in Fulda ist das zum Teil tatsächlich anders, aber wirklich ernst nimmt doch kaum einer die Botschaft von der Rechtfertigung des Gottlosen durch Jesus Christus am Kreuz. Diese Botschaft verstehen die meisten Leute ja auch überhaupt nicht mehr.

Wie ist es dazu gekommen? Es sind ja auch zum Teil unsägliche Aussagen, die es uns erschweren, an Christus und überhaupt nur an Gott zu glauben.
Neulich war ich auf Besuch bei einem netten älteren Ehepaar, das sich ab und an wünscht, dass der Pfarrer vorbeikommt. Der Hausherr, ein kluger und freundlicher Mann, hat der Kirche noch nicht den Rücken gekehrt. Aber so ziemlich alle Kernaussagen des Christentums zieht er mit guten Gründen in Zweifel. Wie ist es mit der Frage nach der Evolutionslehre? War Jesus so wie wir alle dann nur ein Affe höherer Ordnung? Und warum braucht der gütige Vater im Himmel ein Sühneopfer am Kreuz? Was für ein Gott kann das sein? Wieso hat es 14 Milliarden Jahre gedauert, bis die Erde so weit war, dass sie Geschöpfe die uns hervorbrachte? Wenn Gott da ist, dann sind wir doch nicht die einzigen!? Wie ist das mit dem Wunderglaube, der uns im Neuen Testament begegnet und dem jetzigen Informationszeitalter?
Wir haben wesentlich mehr Fähigkeiten als die meisten Götter der Antike. Würden ein paar von uns nach Judäa im Jahr 33 fahren mit einer Zeitmaschine, und brächten wir einige unserer Technologien mit, man würde uns als mächtige Götter feiern.
Denken Sie nur an unsere Medizin, an unsere Mobilität und an unsere Möglichkeiten zur Kommunikation.
Vergleichen Sie mal die einzelnen medizinischen Wunder Jesu mit dem, was die Medizin heute an Massenversorgung und Heilkunst zustande bringt. Vergleichen Sie die Federn an den Sandalen des Gottes Hermes mit den Möglichkeiten heutiger Luftschifffahrt. Und die Kommunikation mit Smartphones und Internet stellt alles in den Schatten, was das Pantheon griechischer und römischer Götter nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
Wie ist es mit Gott, wenn er immer mehr an den Rand gedrängt wird? Könnte sein, dass Gott tot ist, schon immer tot war?

Und es sind diese Zweifel von dem freundlichen Herrn, den ich besucht habe, dieselben, die auch mich immer wieder umtreiben. Es sind Fragen, die genau in die Diagnose hineinpassen von all den Kirchenaustritten, jeder Trauung aus rein dekorativen Gründen oder dem Niedergang des Gottesdienstes.

Denn, wie ein Leiter der EKD, der evangelischen Kirche in Deutschland (Thies Gundlach), vor einiger Zeit konstatierte: Das Problem unserer Zeit in Mitteleuropa ist „die Konfessionslosigkeit in uns selbst“, die Indifferenz in unseren Herzen, die unsere Kirchen in die Bedeutungslosigkeit treibt. Und zwar von uns allen.
Es fängt schon bei denen an, die sagen, es sei doch egal, an was man glaube: Katholisch oder evangelisch. Es gibt nur einen Gott.

Ihr Lieben: Das ist es nicht. Es ist überhaupt gar nicht egal. Denn wer so argumentiert, kann auch Moslem werden oder Jude, Scientologe oder Zeuge Jehova.
Es gibt schließlich nur einen Gott. An den glauben doch alle.

Wer seine Weltanschauung darauf reduziert, der oder die hat keine feste Weltanschauung. Wer seinen Glauben auf den kleinsten gemeinsamen Nenner meint bringen zu müssen, der hat einen Glauben, der genau nur das ist: Der kleinste gemeinsame Nenner aller Religionen.
Das klingt zwar unglaublich fortschrittlich und liberal. Es ist aber im wahrsten Sinne des Wortes „konfessionslos“ – also frei von einem echten Bekenntnis. Und damit beliebig. Und leer. Nicht an der Wahrheit interessiert, sondern nur an einem scheinbaren Frieden.

Nicht dass sie mich falsch verstehen: Ich habe nichts gegen gute interreligiöse und konfessionsübergreifende Verbindungen. Die sind wunderbar – und das, was die Kirchen ökumenisch in den letzten 60 Jahren geleistet haben, ist als großartig zu bewerten. Aber diese Leistung kann man doch nur würdigen vor dem Hintergrund, dass die Konfessionen und Religionen als solche erkennbar waren und vor allen Dingen auch bleiben. Katholisch ist nicht evangelisch. Muslimisch ist nicht jüdisch.

Und ich bin mir sicher: Wenn Gott nicht tot ist, dann ist es ihm auch nicht egal, wie seine Menschen an ihn glauben, wie sie zu ihm beten und vor allem,
allem auch: wie sie von ihm denken.
Wenn es ihm egal wäre, wäre er nämlich ein - für uns – toter Gott. Daher fordere ich mit einigen Kollegen seit einiger Zeit mehr Ernsthaftigkeit im christlichen Glauben. Mehr Bekenntnis, statt weniger. Mehr Zuspitzung, deutlichere Worte, harte Diskussion, klare Kante wenn‘s um die eigene Weltanschauung geht.
Das Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr hätte so ein Jahr der Bekenntnis sein können. Doch ich habe nicht den Eindruck, dass es irgendwie nachhaltig war, was wir da alles an Aktionen und Feiern und Fortbildungen angeregt haben.
Vielleicht, weil Gott tot ist.

5. Homo deus
Und dann ist da noch der Tod Gottes, wir er uns in und von den übrigen Wissenschaften präsentiert wird. Gott spielt keine Rolle mehr, wenn es um die Frage nach dem Universum geht, und er spielt auch keine Rolle mehr, wenn es um Quantenphysik, Chemie, Biologie, die Sozialwissenschaften, Medizin, Psychologie, oder Juristerei geht.
Niemand, nicht einmal bibeltreue Christen, begründen etwa den Feiertagsschutz ernsthaft mit Gottes Willen. Klar, es wird darauf gern verwiesen, aber eigentlich erwarten sie von den Menschen, dass soziale Argumente wie der Zusammenhalt der Gesellschaft, die Möglichkeit für Familien, gemeinsam etwas zu unternehmen, der Einhalten von Ruhezeiten viel eher gehört wird als die donnernde Stimme Gottes am Berg Sinai, überliefert in den zehn Geboten.

Nein, wir haben uns längst an die Stelle Gottes gesetzt, alle miteinander. Und wir haben dies noch viel mehr getan als unsere Vorfahren in Jerusalem, die Jesus gekreuzigt haben. Das waren Menschen, die die Wunderwelt des Neuen Testamentes für bare Münze nahmen. Als Menschen der Antike konnten sie es ja auch nicht anders.

Der Schrei von Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Der Schrei von Jesus, direkt bevor er dann stirbt, sagt sehr viel aus über unsere persönliche Verfassung und unseren weggebrochenen Glauben.

6. Homo sapiens
Und jetzt stehen wir, sitzen wir unter dem Kreuz. Lassen uns trotz aller Gottlosigkeit unserer Zeit und unserer Herzen anrühren von Gottes Liebe. Halten in unbegreiflichem Schaudern inne, mit allen Anfechtungen und Zweifeln, die dieser Kreuzestod mit sich bringt.

Wenn Jesus schon sagt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Wie sehr sind wir doch dann berechtigt, diesen Gedanken hinaus zu schreien! Unsere Zweifel und unsere Anfechtungen, unseren Unglauben Gott vor die Füße zu werfen.
Mach du damit was du willst, Gott. Aber lass mich in Frieden mein Leben leben.
Ich begreife deine Werke nicht, ich begreife diese Kreuzigung nicht, ich begreife diese Welt nicht.

Du bist tot. Viel zu oft. Mein Gott, mein Gott. Warum hast du uns verlassen?

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

LIED EG 65: VON GUTEN MÄCHTEN