Wie ist die Auferweckung Jesu Christi zu verstehen und zu deuten?

Liebe Leserinnen und Leser,
viele von Ihnen kennen mich bereits als Mitglied des Kirchenvorstands unserer Bonhoeffergemeinde. Zur Zeit absolviere ich den Weiterbildungskurs „Evangelische Religion“ der Hessischen Lehrkräfteakademie, um das Fach in der Schule unterrichten zu können. Im Rahmen dieses Studiums habe ich mich, inspiriert von der Predigt, die unser Pfarrer Marvin Lange an Ostern 2016 hielt (hier der direkte Link), mit dem Thema der Auferweckung Jesu Christi befasst.
Pfarrer Lange bat mich darum, meinen Essay im Gemeindebrief — passend zur Osterzeit— zu veröffentlichen. Das tue ich hiermit sehr gerne und freue mich darauf, vielleicht mit Ihnen darüber nach dem Gottesdienst oder zu anderen Gelegenheiten ins Gespräch zu kommen.

Viel Freude beim Lesen  wünscht Ihnen
Monika Noak

Wie ist die Auferweckung Jesu Christi zu verstehen und zu deuten?
 
Die Auferweckung Jesu Christi ist das zentrale Geschehen, von dem die Verkündigung des Christentums ausging. Allsonntäglich wird im Gottesdienst bei dem apostolischen Glaubensbekenntnis die Zeile „am dritten Tage auferstanden von den Toten“ gesprochen. Schon oft habe ich mich gefragt, welche tiefere Bedeutung sich hinter diesem Satz verbirgt und wie dieses einzigartige und unbegreifbare Ereignis, auf dem der christliche Glaube basiert, zu interpretieren ist.
Um mich der Fragestellung theologisch zu nähern, werde ich zunächst darstellen, welche Aussagen sich in den Bibeltexten des Neuen Testaments zur Auferweckung Jesu finden lassen. Daran anschließend werden verschiedene Ansätze der Auslegung der Auferweckung Jesu Christi dargestellt und diskutiert. Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung die Auferweckung für die Christinnen und Christen hat.

Der erste Brief des Paulus an die Korinther ist die älteste Quelle der Auferstehungserzählung Jesu Christi. Paulus gilt als der einzige Verfasser, dem der nachösterliche Jesus Christus selbst erschienen sein soll. Er weist auf die Erfüllung der Ankündigung in der Bibel hin, nämlich „dass er auferstanden ist am dritten Tag nach der Schrift“ (1. Kor. 15,3-5). Dennoch wurde die Botschaft von der Auferweckung bereits damals nicht unkritisch und ohne Zweifel aufgenommen. Deshalb wendet sich Paulus gegen die Leugnung der Auferweckung: „Ist aber Christus nicht auferstanden, […] so ist auch euer Glaube vergeblich“ (1. Kor. 15,14). Der Glaube wurde vermutlich dadurch erschwert, weil Christus „als Erstling“ (1. Kor. 15,20) auferstanden ist und dieses Ereignis die Menschen analogielos stehen ließ und auch heute noch lässt.
Bei der Auslegung sowohl des 1. Korintherbriefes als auch der Evangelien ist zu bedenken, dass sie Glaubenszeugnisse sind, die aus nachösterlicher Sicht verfasst und u. a. mit der Intention geschrieben wurden, Glauben zu wecken.
Die Erscheinungen Jesu gehen dem Osterglauben voraus, die Erzählungen vom leeren Grab sind sekundär, obwohl die Evangelien die Chronologie umkehren. Sie beschreiben im Zusammenhang mit der Auferweckung Jesu Christi unterschiedliche Szenen, die nachstehend in Ansätzen zusammengetragen werden.1 
Bei Matthäus erscheint der Auferstandene den Jüngern in Galiläa und gibt ihnen den Tauf-und Missionsbefehl.
Im Lukasevangelium findet sich als Sondergut die Geschichte von dem Gang nach Emmaus. Jesus wird auf dem gemeinsamen Weg mit zwei Männern nach Emmaus von ihnen nicht erkannt. Zwar legt er ihnen die Schrift aus, dass ihnen „das Herz brannte“ und doch erkennen sie ihn erst, als er am Tisch das Brot bricht. Diese Handlung öffnet ihnen im übertragenen Sinne die Augen. In dieser Geschichte erschließt sich der spezifische Charakter des Osterglaubens. Er gipfelt in der Erkenntnis: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden“ (Lk 24,34). Härle (2012, 319) formuliert es so: „Erst indem das Sehen zum Erkennen wird, wird der Glaube an den Auferstandenen geweckt.“
Analog findet sich diese Schlussfolgerung bei Markus (16,9-14) wieder.2  Hier glauben die Jünger der Erzählung der Maria von Magdala, dass Jesus ihr erschienen sei, zunächst nicht. Erst als sich Jesus Christus auch hier in einer Tischszene offenbart, erkennen sie ihn.
Im Johannesevangelium erscheint Jesus Christus Maria Magdalena am Grab. Sie spricht mit ihm, denkt jedoch, er sei der Gärtner. Sie erkennt ihn erst, als er sie beim Namen nennt.
Aufgrund dieser Berichte stellt sich die Frage nach der Leiblichkeit des Auferweckten. Jesus Christus erscheint, wird aber zunächst auf Grund seiner äußerlichen Erscheinung nicht erkannt. Erst seine individuellen Handlungen und Ansprachen führen zu seiner Wiedererkennung.3
Paulus schreibt im 1. Kor. 15,35-41 von der Leiblichkeit und der Vielfalt des leiblichen Seins. In Vers 44 wird eine Ausdifferenzierung der Leiblichkeit vorgenommen: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“
Dies verdeutlicht, dass das christliche Verständnis der Auferweckung nicht gleichbedeutend ist mit einer „physischen Widerbelebung“ (Schneider-Flume, 2008, 256) des Leichnams Jesu, der so wieder in das irdische Leben eintritt. Dies könnte ohnehin, am menschlichen Lebenszyklus orientiert weitergedacht, im Laufe der Zeit einen erneuten Tod mit sich führen, da die Konstitution des menschlichen Körpers nicht für die Unendlichkeit ausgelegt ist. So schreibt auch Paulus im 1. Kor. 15,50: „Vergänglichkeit erbt nicht die Unvergänglichkeit“.
Für uns Menschen stellt die Leiblichkeit eine Grenze unseres Verstehens, aber zugleich auch unser Medium dar. Bereits im Lukasevangelium wird daher versucht, einen Bogen zu unserem menschlichen Zugang zu spannen: Der Auferweckte isst dort Fisch.
Verständlicherweise fragen die Menschen im Zusammenhang mit der Auferweckung nach greifbaren Objekten wie dem leeren Grab und dem Leichnam Jesu. Beide Aspekte haben in der wissenschaftlichen und theologischen Fachwelt eine rege Diskussion ausgelöst.
So behauptete Lüdemann, dass das Grab Jesu voll gewesen und sein Leichnam verwest sei. Darin sieht er einen Widerspruch zu einer möglichen leiblichen Auferstehung Jesu. Er nähert sich der Auferweckung Jesu unter historischen Fragestellungen. Hieran verdeutlicht sich das Problem, dass wissenschaftliche Methoden und deren spezifische Fragestellungen immer relativ zu einem Wirklichkeitsverständnis stehen und dieses oftmals verengen. In diesem Zusammenhang weist Dalferth (1998, 381) auf die Gefahr der Ideologisierung hin, wenn Wissenschaft sich nur auf das beschränkt, was sich erfassen lässt. Denn „Gott steht für mehr als das, was das Leben umfaßt“.
Auch Schneider-Flume (2004, 256) sieht die Historisierung der Auferweckung als falschen Ansatz: „Das Geschehen […] der Auferweckung aber ist nicht objektivierbar und historisch greifbar.“
Die Erzählungen vom leeren Grab weisen in den Evangelien apologetischen Charakter auf. Ohnehin sollte dem Grab keine herausragende Bedeutung beigemessen werden, da man dort Jesus ohnehin an der falschen Stelle sucht, weil er auferstanden ist. Diese Tendenz, weg vom Grab, hin zum Leben, findet sich bereits bei Lukas, als die Frauen zur Grabstätte Jesu kommen und erwarten, dass er dort sei. Zwei Männer weisen sie in Lk 24,5f auf Folgendes hin: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern auferweckt worden.“
Dennoch finden sich in der Diskussion um die Wirklichkeit der Auferweckung auch bei Pannenberg (1990, zitiert nach Schneider-Flume 2004) Ansätze, die in der Bibel beschriebenen Ereignisse auf dem Hintergrund historischer Faktizität zu deuten. Schneider-Flume (2004, 266) merkt dazu kritisch an, dass die biblischen Texte nicht an einer Einheit der Wirklichkeit interessiert sind.
Bultmann (1978, zitiert nach Schneider-Flume 2004) konstatiert, dass die Wirklichkeit der Auferweckung Jesu Christi gleichbedeutend mit dessen Verkündigung sei, er also ins „Kerygma“ auferstanden sei. Dazu steht jedoch im Widerspruch, dass die bloße Verkündigung ohne den Bezug auf Gottes schöpferisches Handeln, das die Auferweckung darstellt, eine enorme Einschränkung der Botschaft darstellen würde. Vielmehr resultiert die Verkündigung aus der Wirklichkeit des Auferstandenen. So kann z. B. der Missionsbefehl, den Jesus Christus im Anschluss an seine Erscheinungen erteilt, als Aufforderung zur Verkündigung seiner Botschaft verstanden werden. Allerdings macht dies deutlich, dass seine Auferweckung und die (bloße) Verkündigung nicht identisch sind.
Aus den unterschiedlichen Positionen wird ersichtlich, dass die Diskussion um die Wirklichkeit der Auferweckung Jesu eine Debatte um das jeweilige Wirklichkeitsverständnis darstellt (vgl. Schwöl, 1998, 925). Aus theologischer Sicht hat Gott mit der Auferweckung Jesus Christi jedoch eine neue Wirklichkeit geschaffen (vgl. Schneider-Flume, 2004, 266).
Den eigentlichen Vorgang der Auferweckung hat niemand beobachtet und es wird in der Bibel an keiner Stelle darüber spekuliert, wie er sich vollzogen haben könnte. Die Erscheinungen, die aus der vorausgegangenen Auferweckung Jesu durch Gott resultieren und damit das Eingreifen Gottes offenbaren, sind die Grundlagen des nachösterlichen Glaubens. Dass dieser Glaube selbst den Jüngerinnen und Jüngern damals nicht leicht fiel, verdeutlicht sich an einigen Textstellen in den Evangelien.
Die Erscheinungen Jesu Christi entfachten zunächst in den Personen einen aus menschlicher Sicht unerklärlichen Widerspruch: Jesus lebt – Jesus starb am Kreuz. Dieses innere Dilemma scheint auf den ersten Blick unerklärlich und unauflösbar zu sein. Sein Tod kann als menschlich und auch historisch gelten, sein neues Leben allerdings ist göttlich.
Eine Erklärung lässt sich in der Botschaft Jesu von der anbrechenden Gottesherrschaft finden. Diese Botschaft konnten die Menschen auf das Ereignis der Auferweckung anwenden und vor allem auch auf sich selbst beziehen. Damit kamen sie zu der eschatologischen Deutung: Jesus wurde auferweckt durch Gott.
Besonders der sprichwörtlich ungläubige Thomas im Johannesevangelium fordert anstelle des Glaubens Beweise ein. Dies verdeutlicht den Widerspruch zwischen Glaube und Wissen sehr gut. Jesus hat gegenüber der Anforderung von „Beweisen“ für den Glauben eine klare Position: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh. 20,29).
Der Glaube an die Auferweckung ist nicht Folge von vermeintlichen Beweisen, sondern Vorausaussetzung für das Erkennen der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, die sich in den Erscheinungsberichten finden lässt.
Jedoch sind sowohl die Auferweckung Jesu Christi, als auch der Glaube daran einzig und allein Gottes Wirken. Schwöl (1998, 926) formuliert es folgendermaßen: „Die Auferweckung ist aus der Glaubensperspektive als das eschatologische Ereignis zu betrachten, in dem das schöpferische Handeln Gottes an dem Gekreuzigten als Grund des Glaubens erschlossen wird.“
Gott hat Jesus Christus durch die Auferweckung erhöht und sein Wirken damit bestätigt (vgl. Dalferth, 1998, 396). Der Titel „Christus“, den Jesus nach dieser Handlung Gottes trägt, bedeutet „Gesalbter“ oder „Messias“ und weist damit auf die durch ihn ausgehende Heilsbotschaft hin. Jesus Christus gilt daher als wahrer Mensch und wahrer Gott. Dieser Aspekt macht ihn zum Mittler zwischen Gott und den Menschen. Durch dieses Mittleramt Jesu Christi werden Gott und Mensch in eine neue, heilvolle Beziehung gesetzt (vgl. Härle, 2012, 323), die Offenbarung, Versöhnung und Erlösung einschließt.4  Damit wird ein eschatologischer Wechsel vom alten zum neuen Leben vollzogen, der eine neue Existenz, befreit von Sünde und Schuld, bewirkt. Das Leben in dieser neuen Wirklichkeit steht in der Gewissheit, dass Gott sich in seiner Liebe gegenüber den Menschen in Jesus als Mensch offenbart und festgelegt hat: Gottes Liebe überwindet den Tod und hält damit an der Beziehung zu dem Individuum über den Tod hinaus fest.
Rückbezugnehmend auf meine Ausgangsfrage aus dem Glaubensbekenntnis wird ersichtlich, dass Gott sich in der Auferweckung Jesu zu uns bekannt hat und wir uns, durch den Glauben daran, zu ihm bekennen. Daher sind auch wir die Adressaten von Gottes Auferweckungshandeln. Somit verliert das Auferweckungsbekenntnis Gottes nicht an Aktualität, denn es ist ein klares „Ja“ zu den Menschen, das damals galt und auch heute noch gilt. Es ist also kein Ereignis, das auf die Zukunft hindeutet, sondern wie Bonhoeffer schreibt: „Die christliche Auferstehungshoffnung verweist den Menschen noch schärfer an sein Leben auf Erden.“ (zitiert nach Becker/Johannsen, 2014, 177). Denn in ihr manifestiert sich eine Beziehung, die zu einer Veränderung des Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses führt (vgl. Dalferth, 1998, 403).
So kann durch Gottes Wirken jeder Mensch durch Gott erweckt werden, sei es, dass er Gott mit brennendem Herzen sucht oder auch, wie es Paulus aus eigener Erfahrung im Korintherbrief schreibt, die Offenbarung Gottes einem widerfährt. Trifft einen die Botschaft Gottes, wird man sich, auferweckt in Gottes Geist, neu ausrichten, aufrichten, also im übertragenen Sinne auferstehen und nach Jesu Christi Weisungen in einer allumfassenden Liebe mit Gott, den Mitmenschen und sich selbst leben können.5  Dieses schöpferische Handeln Gottes führt in der Konsequenz zur Verkündigung des Evangeliums und macht Jesus Christus und seine Botschaft über den Tod hinaus lebendig.
Das bedeutet für das Leben der Menschen: Gott kann unseren Glauben bewirken, Gott hat sich in vorbehaltloser Liebe den Menschen in Jesus Christus offenbart, Gott schafft durch die Auferweckung Jesu Christi eschatologische Hoffnung auf sein Reich, das bereits begonnen hat und vollendet werden wird. Damit begründet Jesus Christus die Hoffnung auf die Auferweckung aller Christinnen und Christen in Gottes Herrlichkeit.

Resultierend aus den obigen Gedanken und Ausführungen bedeutet die Auferweckung für mich in drei Worten zusammengefasst: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Anmerkungen:
1 Eine genauere Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Evangelien findet sich bei Becker/Johannsen (2014, 181-185).
2 Zum Markusevangelium ist anzumerken, dass das älteste Textzeugnis mit Mk 16,8 endete und die Frauen Furcht und Zittern nach der Botschaft von der Auferstehung ergriff. Die Verse 9-20 sind vermutlich erst im 2. Jh. Hinzugefügt worden.
3 Strauß und Lüdemann negieren die Erscheinungen Jesu Christi als bloße Visionen oder Halluzinationen.
4 Auf die genauere Ausführung der Begriffe muss hier aus Platzgründen verzichtet werden. Härle (2012) stellt die Bedeutung der Begriffe in seiner Dogmatik in Kapitel 9 ausführlich dar.
5 Dalferth verwendet den Begriff der „eschatologischen Leiblichkeit“; das Verbundensein mit Gott in einer allumfassenden Liebe. In der sich das Leben ganz im Modus und Einklang der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe vollzieht, bildet sich die Gemeinschaft der Glaubenden, oder anders gesagt, der Leib Christi (vgl. Dalferth, 1998, 409).

Literatur
Becker, Ulrike / Friedrich Johannsen (2014): „Nun aber ist Christus auferstanden. Das neutestamentliche Osterzeugnis.“ In: Becker, Jochum-Bortfeld, Johannsen, Noormann (2014): Neutestamentliches Arbeitsbuch für Religionspädagogen, 4. Auflage. Kohlhammer, 177-186.
Dalferth, Ingolf U. (1998): Volles Grab, leerer Glaube? Zum Streit um die Auferweckung des Gekreuzigten, in: ZThK 95, 379-409.
Härle, Wilfried (2012): Dogmatik, 4. Auflage. De Gruyter.
Schneider-Flume, Gunda (2004): Grundkurs Dogmatik. Vandenhoeck & Ruprecht.
Schwöl, Christoph (1998): „Auferstehung Jesu Christi, Dogmatisch, 922-926. In: Betz, Hans Dieter (Hrsg.) (1998): Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 1. A-B. Mohr Siebeck. (Stichwort: Auferstehung, 913-928).